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Rubrik International

Leidenschaft auf Umwegen

Serie: Führerscheinstunden auswärts. Teil 1 - Georgien

von Marco Eschenbach Des Deutschen "liebstes Kind": das eigene Auto mit Fahrlizenz. Eine manchmal etwas andere Schwangerschaft vom Begehren zum Gebären als in anderen Ländern. Georgien erzählt die Geschichte von Politik, Bedeutung und Realität des Mobilseins ein wenig anders, verkehrt herum. Ich treffe Mariam Stieler am Erfurter Busbahnhof. Von ihrer Stadtwohnung braucht die 32-jährige studierte Literaturwissenschaftlerin nur rund zehn Minuten mit dem öffentlichen Verkehrsmittel für die vier Stationen zu unserem Austausch über die Freuden und Tücken des Autofahrens in ihrem Heimatland Georgien. "Nein, nein!", wirft sie dem fragenden Blick gleich entgegen, "einen Führerschein besitze ich bis heute noch nicht, der Bus ist noch immer mein treuester Weggefährte. Aber, ich habe es versucht!" Die bis heute erfolglose Geschichte zur begehrten Fahrlizenz sei aber eine längere, warnt die Mutter einer Tochter. Vor elf Jahren kam Stieler als Au-Pair-Mädchen in eine Erfurter Familie nach Deutschland. Den rund 3.000 Kilometer langen Weg aus ihrer Heimatstadt Tiflis bis ins Thüringische unternahm sie damals mit dem Auto. "Leider nicht mit dem eigenen, sondern nur als Mitfahrerin", erzählt sie von ihrem schlummernden Wunsch des eigenen Führerscheins.
Für die Georgierin Mariam Stieler ist der Traum des eigenen Führerscheins bisher ein Wunsch geblieben. Doch wer weiß: Vielleicht sitzt sie selbst bald hinter dem Steuer eines solchen Sportflitzers.
Dabei seien die Wege, in Georgien zum begehrten Dokument zu kommen "nicht nur viel billiger, sondern auch unbürokratischer als in Deutschland." Der Führerschein kostet dort 85 Lari, was umgerechnet 40 Euro bedeuten. Auch die Schulungen kann man mit denen Deutschlands kaum vergleichen, fallen sie in Zahl und Dauer doch deutlich geringer aus als hierzulande. "Den Führerschein zu bekommen ist anscheinend gar nicht so schwer, aber bis dahin muss man sich auf Einiges gefasst machen!" Das erste und zweite Mal durchzufallen sei keine Schande. "Es grenzt auch nicht an Debilität, wenn man beim dritten Versuch scheitert", sondern dies sei durchaus an der Tagesordnung. Die Rahmenbedingungen, so formuliert die junge Georgierin es höflich, "sind eben keine deutschen." Zu sowjetischen Zeiten sei es üblich gewesen, dem begehrten "Lappen" mit finanziellen Gefälligkeiten deutlich näher zu kommen, berichtet die heute als Journalistin arbeitende Stieler: "Heute sollen die Prüfer strenger und unbestechlicher geworden sein, aber ich kann mich noch an viele Bekannte erinnern, die auf einmal von 'heute auf morgen' doch auf wundersame Weise ihren Führerschein in Händen hielten." Auch berichteten ihr viele andere Georgier, auf diesen Umwegen zum eigenen Fahren gekommen zu sein.
Da sie sich finanziell und moralisch nicht an derartige Gepflogenheiten beteiligen wollte, war für Stieler nach zwei vergeblichen Versuchen einer erfolgreichen Führerscheinprüfung erst einmal Schluss: "Ob es an meinen Fähigkeiten oder an den damaligen Verhältnissen lag, kann ich letztendlich nicht genau beurteilen. Eines war klar: Das Leben geht erst einmal auch ohne Führerschein weiter." Von solchen Zuständen kann sie im heutigen Georgien nicht mehr in diesem Ausmaße berichten, aber die Zahl der "Durchfaller" sei viel höher als in hiesigen Gefilden. Interpretationsspielraum bietet dies für beide Seiten.

Georgien

Die demokratische Republik Georgien ist von ihrer geografischen Fläche mit der Größe Bayerns vergleichbar und seit 1991 unabhängig. Rund 5,4 Millionen Menschen leben derzeit im Staat in Vorderasien, der auch die an der Grenze zu Russland gelegenen Konfliktzonen Abchasien und Südossetien beheimatet. Letztere stehen nicht unter Kontrolle der georgischen Regierung, sondern im Fokus Russlands, was im August 2008 im Südossetien- Konflikt kriegerisch eskalierte. In Georgien war das Statussymbol Auto bis zum Ende der Sowjetunion Teil einer privilegierten Oberschicht vorbehalten, der "Jiguli" das beliebteste, aber auch nahezu einzige Gefährt auf dortigen Straßen. Zirka 20 Fahrschulen unterrichten heute im gesamten Land die georgischen Führerscheinneulinge.
Dass Mariam Stieler ihr mobiles Leben bis heute mit Bus und Bahn bestreitet, liege aber "definitiv nicht" an ihrer ausgeprägten Liebe für öffentliche Verkehrsmittel, erzählt sie. Vielmehr hat es ihr bis heute wegen ihres Studiums in Erfurt am nötigen Kleingeld gemangelt: "Mit 40 Euro bezahle ich hier in Deutschland doch gerade mal eine Fahrstunde, da muss ich also noch ein bisschen sparen", sagt sie. Die Leidenschaft für das eigene Auto ist ihr trotz der fehlenden Fahrerlaubnis nicht abhanden gekommen. "Ein Georgier ist vielleicht noch stolzer auf das eigene Gefährt als der schon sehr autoverliebte Deutsche", was natürlich auch auf die politische Geschichte des Landes schließen lässt.
Das frühere georgische Straßenbild konnte man nicht mit westeuropäischen Standards vergleichen. Der "Jiguli", ein landesübliches Fabrikat, kreuzte allerorten die Wege, andere Hersteller waren kaum erhältlich. Auf ein Auto wartete man viele Jahre, es war der Oberschicht bestimmt, sich diesen Luxus zu gönnen. Die Sowjetunion ist genauso zerfallen wie die Marke "Jiguli". Die Liebe zum eigenen Gefährt ist bei den Georgiern fast noch inniger geworden. Nicht nur die politischen Verhältnisse haben sich drastisch verändert, auch das Straßenbild ist nicht mehr wieder zu erkennen. Im Georgien von heute bestimmen die auch hierzulande vertretenen Autohersteller den Trend und eine deutlich gestiegene Zahl an Verkehrstoten leider die Unfallstatistiken.
Bei Mariam Stieler, der Georgierin in Deutschland, ist es heute noch der Bus, der eine ganz wichtige Rolle spielt: "Ich muss meine Tochter von der Schule abholen. Aber das sind nur zwei Stationen, das geht ganz schnell!" Vielleicht macht sie dies künftig mit den eigenen vier Rädern. Wer weiß?!
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