von Marco Eschenbach
Traumwagen made in Dresden. Wer gedacht hätte, Auto- und Motorsportfans im früheren Arbeiter- und Bauernstaat huldigten ausschließlich Nobelmarken aus dem kapitalistischen Ausland, liegt falsch: Mit dem Relaunch des Melkus RS 1000 auf der diesjährigen Frankfurter IAA gelingt es den ostdeutschen Autobauern, eine alte DDR-Legende und so manch vergessene Sehnsüchte wieder aufleben zu lassen.
Imposant erheben sich die beiden Flügeltüren des grell orange lackierten Flitzers in Halle 5 der weltweit größten Automobil- Ausstellung vor manch verdutzt dreinblickenden Besuchern. „Toller Wagen“, aber „Melkus? Nie gehört!“ raunt es hier und da. Doch nicht nur ausgewiesene Kenner des ostdeutschen Motorsports wissen, welchen Ziehsohn einer Autolegende sie gerade vor sich haben. Der Melkus RS 1000, der „Ferrari des Ostens“, war Traum fast eines jeden Autoliebhabers von Arnstadt bis Zwickau, den sich aber nur die Wenigsten erfüllen konnten. Den 270 PS starken Nachfolger Melkus RS 2000 kann sich jetzt jeder kaufen, vorausgesetzt, er bringt mit mehr als 100.000 Euro das nötige Kleingeld mit.
Das neue, knapp vier Meter lange und nur 1,1 Meter hohe Modell der Erben des 2005 verstorbenen Gründungsvaters Heinz Melkus basiert auf dem Lotus Elise und wird von einem modifizierten Toyota- Vierzylinder mit 1,8 Litern Hubraum und variabler Ventilsteuerung angetrieben. Das Aggregat wird von einem Kompressor aufgeladen, leistet 270 PS (198 kW) bei 7.800 Umdrehungen und einer Höchstgeschwindigkeit von 250 km/h. Der Flügeltürer beschleunigt in 4,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h.Auf der Frankfurter IAA präsentiert sich der neue Melkus RS 2000 direkt neben renommierten Marken wie dem Aston Martin. Doch verstecken muss sich der Dresdner Bolide keineswegs. Wie sein legendäres Vorgängermodell ist auch er ein extrem leichtes Fahrzeug, das gerade einmal 950 Kilogramm auf die Waage bringt und somit wieder als Leichtbausportwagen mit Rennsporttechnologie konzipiert wurde. Durch diese zeitgemäße Konstruktionsphilosophie kann sich das Mittelmotor- Sportcoupé auch gegen hubraumstärkere Sportwagen durchsetzen – bei deutlich weniger Kraftstoffverbrauch.
Der neue Melkus erinnert mit seinen markanten Flügeltüren bewusst an den Vorgänger RS 1000, den einzigen straßentauglichen DDR-Rennwagen, der für die wenigsten zu bekommen war. Der Zweisitzer kostete rund 30.000 Ostmark und war ohne die richtigen Beziehungen selbst mit dem „Nachweis einer rennsportartigen Tätigkeit“ kaum zu haben. Ende 1968 beginnen Heinz Melkus und sein Team mit den Arbeiten am Sportwagen und somit auch am Traum der Arbeiterklasse im Land von Trabantfahrer und Schwalbenlenker. Der DDR-Sportwagen mit Flügeltüren war auf eine Stückzahl von 101 Exemplaren limitiert.
Für den Bau des Renners wurden Rahmen, Fahrwerk, Motor und Armaturen aus der Serienfertigung des Wartburgs übernommen. Einzelne Karosserieteile wurden aus glasfaserverstärktem Polyester beispielsweise beim Vorderteil und Heck oder aus Leichtmetall wie bei Türen und Dach hergestellt. Mit seinen bis zu 100 Pferdestärken flitzte der Exot mit 170 km/h über den DDR-Asphalt. Jedes Modell der exklusiven Serie des Melkus RS 1000 wurde per Hand gebaut, keines gleicht dem anderen. Vielmehr waren die Konstrukteure darauf angewiesen, gerade das Material verbauen zu müssen, was der sozial-istische Autobau zu der jeweiligen Zeit hergab. So wurde der Wagen auch schon einmal mit Teilen von Autos aus den Bruderstaaten komplettiert.
Legenden unter sich: Melkus-Liebhaber- messen ihre Kräfte.
Die Wartezeit für einen RS 1000 betrug „nur“ rund zwei Jahre, wobei ausschließlich ausgewählte DDR-Bürger und Rennfahrer ihn erwerben konnten. Die Produktion des charismatischen wie exklusiven Boliden anlaufen zu lassen stieß auf staatlicher Seite auf nicht unbedingt positive Resonanz. So musste sich Erbauer Heinz Melkus schon eines Tricks bedienen, um grünes Licht für sein Traumauto zu bekommen: Er pries 1969 den RS 1000 als Geburtstagsgeschenk zum 20. Jahrestag der Gründung der DDR an. Da konnten selbst die Bedenkenträger der Zentralen Sportkomission ihre Zustimmung nicht verweigern.
Trotz aller Produktionsprobleme hielt der Sachsenrenner lange durch. 1979 verließ der letzte Melkus RS 1000 die Dresdner Werkstatt, nicht zuletzt deshalb, weil kein Material für den Bau des Flitzers aufzutreiben war. Müssen die meisten Trabbis und Wartburgs auf dem Schrottplatz das Zeitliche segnen, existiert der Großteil der 101 gebauten legendären Modelle heute noch. Nicht nur unter ostdeutschen Autoliebhabern gilt der Melkus RS 1000 als hochgeschätzte Rarität.
DDR-Sportwagen-Pionier Heinz Melkus vor seinem „Baby“: Der Melkus RS 1000 erreichte mit seinen bis zu 100 PS rasante 170 km/h auf ostdeutschem Asphalt.
Nach dem Mauerfall und Tod des Firmengründers Heinz Melkus weckten die Erben des legendären Autobauers mit dem Melkus RS 1000 Limited Edition alte Sehnsüchte – nicht nur von Ostalgikern.
Fotos: MELKUS-Pressebild (4)
Nach dem Mauerfall und dem Tod des Firmengründers Heinz Melkus legten Sohn Peter und Enkel Sepp vor ein paar Jahren zunächst eine neue, 15 Exemplare große Edition des RS 1000 auf. Weil sich das als Erfolg erwies, wagten sie sich anschließend an den von Grund auf neu entwickelten Melkus, den sie mit dem RS 2000 nun stolz auf der diesjährigen IAA in Frankfurt präsentierten. Gerade einmal 25 Stück pro Jahr sollen nach den Plänen in der Dresdner Fabrik gefertigt werden, mehr als 100 Exemplare soll es nicht geben. Gebaut wird er von einem Zehn-Personen- Team in Handarbeit, und dies, ganz exklusivgerecht, natürlich nur auf Bestellung. Denn das erlaube es, jedes Fahrzeug individuell nach Kundenwünschen zu gestalten. Die Sachsen sind trotz der derzeit herrschenden Krise zuversichtlich, genug Liebhaber zu finden, die bereit sind, mehr als 100.000 Euro für ihren extravaganten Flitzer auszugeben. Denn nicht nur die geringe Stückzahl bedinge eine außergewöhnliche Exklusivität für jeden Besitzer, sind sich die Dresdner Autobauer sicher.